Die Vorgaben, dass Erwachsene spätestens alle zehn Jahre eine Auffrischung ihrer Tetanus-Impfungen benötigen, sind in vielen Ländern fest verankert – so auch in den deutschen Impfempfehlungen. Neuere Studien und ein Abgleich mit den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation werfen erhebliche Zweifel an dieser Praxis auf.
Für eine Tetanus-Auffrischung im 10-Jahres-Rhythmus wird in der Regel kein Einzelimpfstoff verabreicht, sondern zumeist Kombinationsimpfungen mit Diphterie- und Keuchhusten-Komponenten. Jahrzehntelange Erfahrungen mit Impfprogrammen weisen nun daraufhin, dass regelmäßige Auffrischungsimpfungen insbesondere bei Tetanus und Diphterie überflüssig sind.
Erwachsene, die im Kindesalter eine vollständige Impfserie an Tetanus- bzw. Diphterie-Impfungen erhalten haben, gelten in den meisten Fällen als lebenslang geschützt. Das Vorhandensein entsprechender Antikörper wird mit einem Schutz vor Erkrankung gleichgesetzt. Und ebendiese Antikörper sind auch noch Jahrzehnte nach der letzten Impfung im Blut nachweisbar.[1]
Vergleiche mit Ländern unterschiedlich hoher Impfraten deuten zudem darauf hin, dass Auffrischung in der Allgemeinbevölkerung kaum einen Unterschied bei den Krankheitsfällen von Tetanus und Diphterie machen. Grundsätzlich zeigen Auswertungen von Krankenhausdaten, dass Tetanus bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Industrieländern so gut wie keine Rolle spielt. Erst mit zunehmendem Alter ab 65 steigt laut den Daten das Risiko einer Erkrankung an.
Weltweit sieht diese Tendenz anders aus: In Entwicklungsländern und Krisenregionen führt mangelnde Hygiene nicht selten zum sogenannten Neugeborenen-Tetanus. Die Infektion erfolgt meist über die frische Wunde des Bauchnabels durch keimbelasteten Schmutz. Dazu kommt es, weil in vielen Ländern zur Nabelpflege von Neugeborenen traditionelle Zubereitungen aus Erde und Lehm eingesetzt werden, die Bakteriensporen enthalten.
Spezielle Rahmenbedingungen, die für Kinder in Europa nicht gelten. Zu den Auswertungen von Tetanusfällen in Deutschland, in Relation gesetzt zur Anzahl ungeimpfter Kinder, haben wir bereits hier veröffentlicht.
Auffallend ist, wie stark alleine in Europa die Impfempfehlungen zu Tetanus voneinander abweichen. So folgen von den 30 Mitgliedsländern der Europäischen Union und der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft neben Deutschland 16 weitere Länder den Empfehlungen Tetanus alle 10 Jahre auffrischen zu lassen. Im benachbarten Frankreich, in Lichtenstein und in Schweden ist eine Auffrischung von Tetanus / Diphterie mittlerweile nur noch alle 20 Jahre empfohlen. Großbritannien, Dänemark, Island, Irland, Ungarn und die Niederlande beispielsweise sehen hingegen keine routinemäßige Auffrischung von Tetanus im Erwachsenenalter vor – außer im Falle akuter Verletzungen.
Das gegensätzliche Extrem stellen Ländern wie Bulgarien, Slowakei, Tschechien und Lettland dar, in denen eine Tetanus-Impfpflicht sowohl für Kinder als auch Erwachsene besteht.[2] Solche Unterschiede lassen sich unter vergleichbaren Lebensbedingungen – zum Teil sogar zwischen direkten Nachbarländern – medizinisch kaum begründen. Die Grundlage der Impfempfehlungen und Impfpflichten liegt offensichtlich nicht in der Natur des Menschen, sondern vielmehr in politischen Entscheidungen.
Bereits 2017 wurden die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation dahingehend geändert, dass eine vollständige Impfserie in der Kindheit für Erwachsene als ausreichend gilt und zusätzliche Impfungen nur bei bestimmten Risiken wie nach Verletzungen notwendig sein könnten.[3] Als vollständige Impfserie werden hier insgesamt sechs Impfdosen eines Tetanus-haltigen-Impfstoffes definiert.
Der sture Mechanismus, alle Erwachsenen alle zehn Jahre automatisch gegen Tetanus zu impfen, wirkt zunehmend wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Die wissenschaftliche Basis für diese einmal etablierte ärztliche Praxis wird zunehmend dünner. Es bleibt abzuwarten wann sich die deutsche Ständige Impfkommission (STIKO) zu einer Anpassung dieser Strategie äußern wird.
[1] Lessons learned from successful implementation of tetanus and diphtheria vaccination programs, 15.07.2025
https://journals.asm.org/doi/10.1128/cmr.00031-25
[2] European Union: European Centre for Disease Prevention and Control, Vaccine schedules in all countries in the EU/EEA, Tetanus: Recommended Vaccinations, abgerufen am 23.01.2026
[3] World Health Organization: Fact Sheets Tetanus, 12.07.2024