Die HPV-Impfraten in Deutschland gelten als zu niedrig. Um den Vorgaben der Weltgesundheitsbehörde gerecht zu werden, wird der Druck auf Eltern und ihre Kinder deutlich erhöht. Dabei kommen unterschiedliche psychologische Strategien zum Einsatz, die auf Verhaltensänderungen zu Gunsten der Impfungen abzielen: Erinnerungssysteme der Kinderärzte, Impfprogramme an Schulen und Impfwerbung in den sozialen Medien sollen Eltern und Jugendliche dazu bringen, den HPV-Impfungen zuzustimmen.
Aktuell haben etwa die Hälfte der Mädchen und etwa ein Drittel der Jungen in Deutschland mehrere HPV (Humane Papillomviren)-Impfungen erhalten.[1] Diese Zahlen liegen weit unter den angestrebten Impfraten. Denn: Deutschland hat sich wie viele andere europäische Länder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegenüber verpflichtet, die Ziele der Europäischen Impfagenda umzusetzen.[2] In diesem Zuge sollen bis zum Jahr 2030 mindestens 90 Prozent der 15jährigen Mädchen HPV-geimpft werden.[3] Zusätzlich gibt die Europäische Kommission vor, dass eine deutliche Steigerung der HPV-Impfraten bei den gleichaltrigen Jungen erreicht werden soll.[4]
Entsprechend der Ständigen Impfkommission (STIKO) wird allen Kindern im Alter zwischen 9 und 14 Jahren die HPV-Impfung empfohlen. Ab 15 Jahren ist für eine vollständige Impfserie die Verabreichung von drei statt zwei Impfdosen nötig.[5] Dieser Umstand, dass HPV-Impfungen bei Teenagern bis 14 Jahren „eine weniger“ bedeuten, wird in Werbeflyern für Eltern und Jugendliche gerne betont. Ein zusätzlicher Arzttermin (Zeitaspekt) und eine zusätzliche Impfung (Schmerzvermeidung) wirken für Eltern und Kinder so abschreckend, dass die früheren Impfungen attraktiver erscheinen.
Einführung zusätzlicher U-Untersuchung
Vor diesem Hintergrund ist die Entscheidung einer zusätzlichen, durch die Krankenkassen finanzierten U-Untersuchung für alle Kinder in Deutschland zu betrachten. Es handelt sich dabei um die Gesundheitsuntersuchung U10 für Kinder zwischen 9 und 10 Jahren, die eindeutig auch der Erhöhung der HPV-Impfraten dienen soll:[6]
“Angesichts der derzeit niedrigen Schutzimpfungsquote gegen Humane Papillomaviren – sowohl bei Mädchen als auch bei Jungen – wird bei der U10 auch die Impfberatung der Eltern ein Thema sein.“
Dementsprechend sollten sich Eltern der psychologischen Strategien bewusstwerden, die Ärzte bei Untersuchungen oder Impfgesprächen anwenden. Schon seit vielen Jahren werden Ärzte im Umgang mit „impfzögerlichen Eltern“ geschult – neuerdings mit einem Schwerpunkt auf die HPV-Impfungen.
Medizinern und medizinischem Personal in Kinderarzt- und Frauenarzt-Praxen werden bestimmte Gesprächstechniken beigebracht (Motivational Interviewing), die eine Änderung der Verhaltensweisen auf Seiten des Patienten zum Ziel haben (Change Talk). Ausgewiesenes Ziel dieser Kommunikationsstrategie ist es, die „HPV-Inanspruchnahme zu steigern“ – und das, obwohl es Überredung und Druck bei medizinischen Maßnahmen grundsätzlich nicht geben sollte.[7]
Auch gibt es bestimmte Gesprächstechniken, wenn ab der Jugendgesundheitsuntersuchung J1 die Teenager erstmals allein zum Kinderarzt gehen. In den detaillierten Beschreibungen zur J1 (12-14 Jahre) als auch zur J2 (16-17 Jahre) findet sich standardmäßig eine Überprüfung des Impfstatus. Der Impfpass soll vorgelegt werden. Impfungen in Abwesenheit ihrer Eltern sind zu diesen Terminen daher keine Ausnahme, sondern eher die Regel.
Schulimpfprogramme als Modellprojekte
Auch die Schule eignet sich besonders, um Jugendliche in Abwesenheit ihrer Eltern in Richtung der HPV-Impfungen zu drängen. Hier greifen gleich mehrere Strategien, die explizit zur Impfquotensteigerung eingesetzt werden: Den Eltern werden zusätzliche Arzttermine abgenommen, wenn direkt vor Ort in der Schule geimpft wird. Alle Jugendlichen werden im Rahmen der Schulimpfprogramme direkt angesprochen – auch diese, die keine J1 oder J2-Untersuchungen in Arztpraxen wahrgenommen haben. Und nicht zuletzt greift in diesem Umfeld besonders stark der Gruppenzwang. Welcher Teenager will schon in seiner Klasse unangenehm auffallen, weil er sich nicht wie andere Mitschüler impfen lässt?
Bisher wurden in Deutschland drei Modellprojekte zu HPV-Schulimpfungen umgesetzt: In Leipzig, in Bremen und im Landkreis Bergstraße.[8] Die Ergebnisse der mehrjährigen Projekte zeigen, dass Eltern, die den HPV-Impfungen bereits positiv gegenüberstanden, ihre Kinder fristgerecht in den Schulen impfen ließen. Sie zeigen jedoch auch, dass innerhalb der Laufzeit der Projekte kaum weitere Eltern und Jugendliche davon überzeugt werden konnten, den HPV-Impfungen zuzustimmen.
“Auf Basis der bislang vorliegenden Evidenz erscheint es eher unwahrscheinlich, dass die Einführung eines flächendeckenden Schulimpfangebots die HPV-Impfquoten in Deutschland in relevantem Maße steigern kann.”[8]
Aktuelle Zahlen lassen vielmehr einen Vertrauensverlust in HPV-Impfungen erkennen: So geht der Anteil der HPV-Impfungen in Deutschland seit 2021 deutlich zurück. Die Krankenkassen beklagen einen Rückgang von 21 Prozent bei den Mädchen und von 31 Prozent bei den Jungen. Anstatt die Bedenken der Eltern und Teenager zu diesen Impfungen ernst zu nehmen, wird mit Nachdruck eine „Impf-Offensive“ gefordert.[9] Auf die zunehmende Skepsis den gesundheitlichen Behörden, dem medizinischen Personal und grundsätzlich dem Themenfeld „Impfungen“ gegenüber, wird mit keinem Wort eingegangen. Die Konsequenzen aus den Jahren der Corona-Maßnahmen und des COVID-19-Impfdrucks werden scheinbar vollständig ignoriert.
Einladungs- und Erinnerungssysteme
Mit Blick auf andere europäische Länder, die deutlich höherer HPV-Impfraten aufweisen als Deutschland, sollen nun auch hierzulande Erinnerungssysteme eingeführt werden. Im Rahmen eines Projektes des Robert Koch-Institutes zur Steigerung der HPV-Impfquoten (InveST HPV) wurden Eltern, Kinderärzte sowie Krankenkassen befragt: Wie steht es um die Akzeptanz und Durchführung gezielter Erinnerungssysteme mit Fokus auf die HPV-Impfungen? Konkret gemeint sind damit schriftliche Einladungen zur Impfung und nochmals zeitversetzte Erinnerungen zur Einhaltung der vorgeschlagenen Impftermine, entweder durch die zuständige Krankenkasse oder durch die gewählte Kinderarzt-Praxis.[10]
Die grundsätzliche Annahme hinter diesem Projekt ist, dass Eltern zu beschäftigt seien, um Termine zur Impfung zu vereinbaren und/oder einzuhalten. All die Gründe, die HPV-Impfungen wegen fraglicher Wirksamkeit und deutlichen Risiken abzulehnen, finden in diesem Projekt keinerlei Erwähnung. Diese scheinen grundsätzlich in den HPV-Impfstrategien nur eine untergeordnete Rolle zu spielen.
Weitere Beiträge aus der Artikelserie zu HPV-Impfungen
[1] Robert-Koch-Institut: Interventionsstudie zur Steigerung der HPV-Impfquoten in Deutschland – InveSt HPV, 15.10.2025
[2] Weltgesundheitsorganisation: Die Europäische Impfagenda 2030, abgerufen am 04.11.2025
https://www.who.int/europe/de/initiatives/the-european-immunization-agenda-2030
[3] World Health Organization: Cervical Cancer Elimination Initiative, Achieving Elimination, abgerufen am 04.11.2025
https://www.who.int/initiatives/cervical-cancer-elimination-initiative
[4] European Commission: Human papilloma virus (HPV), abgerufen am 04.11.2025
https://health.ec.europa.eu/vaccination/hpv_en
[5] Robert-Koch-Institut: Antworten auf häufig gestellte Fragen zu HPV-Impfung und HPV-Infektion, Wann und wie sollte gegen HPV geimpft werden?, 07.07.2025
https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/Impfen/HPV/FAQ-Liste_HPV_Impfen.html
[6] Gemeinsamer Bundesausschuss: Gemeinsamer Bundesausschuss gibt Ausblick auf sein Arbeitsprogramm 2025, Früherkennung bei Kindern U10, 07.02.2025
https://www.g-ba.de/presse/pressemitteilungen-meldungen/1240/#fruherkennung-bei-kindern-u10
[7] Bundesinstitut für Risikobewertung: InveSt HPV – Neue Ansätze zur Förderung der HPV-Impfung: Können Impferinnerungen, Schulungen und Gesprächstechniken einen Unterschied machen?, Präsentation des Robert-Koch-Institutes und der Ständigen Impfkommission, 28.03.2025
[8] Bundesgesundheitsblatt: Potenzial und Limitationen von Schulimpfprogrammen zur Steigerung der HPV-Impfquoten in Deutschland, 08.03.2025
https://link.springer.com/article/10.1007/s00103-025-04029-1
[9] DAK: Ein Viertel weniger HPV-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen gegen Krebs, 10.11.2023
[10] Robert Koch-Institut: Interventionsstudie zur Steigerung der HPV-Impfquoten in Deutschland – InveSt HPV, Stand 15.10.2025